
Wie seid ihr ins Haus des Engagements gekommen und was macht ihr hier?
Wir vermitteln. Machen wir schon seit 2011, damals noch in St. Pauli. Haben ganz klein angefangen – Leute zusammenbringen, die Bock auf Engagement haben, mit Vereinen und Organisationen, die händeringend Unterstützung brauchen. Lief gut, aber irgendwann kam der Gedanke: Mit Schulen könnten wir noch viel mehr erreichen. Nicht nur ein paar Einzelne, sondern ganze Jahrgänge. 2022 haben wir dann das Sozialpraktikum gestartet, komplett ohne Kohle, rein aus Überzeugung. Mittlerweile sind wir im Haus des Engagements gelandet. Hier sitzen die richtigen Leute, hier gibt’s den Austausch, den wir brauchen. Und ein Dach über’m Kopf, wo wir nicht nur in Excel-Tabellen rumklicken, sondern wirklich was voranbringen können.
Für welche Themen oder Projekte engagiert ihr euch aktuell bzw. wofür habt ihr euch in der Vergangenheit eingesetzt?
Im Moment dreht sich bei uns alles um das Sozialpraktikum. Schüler:innen aus den Klassen 8 bis 12 gehen in Bücherhallen, Sportvereine, zu Tafeln, auf Kulturfestivals – überall dahin, wo sie wirklich was machen können. Nicht ein „Guck mal, wie’s hier aussieht“-Schnupperpraktikum, sondern echte Verantwortung. Die merken dann: Mein Handeln zählt, ich werde gebraucht. Gerade für Geflüchtete oder Jugendliche ohne großes Netzwerk kann das brutal viel verändern. Davor haben wir jahrelang klassische Engagementvermittlung gemacht, niedrigschwellig, für alle, die wollten. Läuft auch noch weiter, aber das Schulprojekt ist jetzt unser Fokus. Lee aus unserem Vorstand hat’s entwickelt – der ist Lehrer, wurde gerade erst im Februar zum Lehrer des Jahres 2026 gekürt. Zeigt halt: Das Ganze ist kein Schnickschnack, sondern funktioniert.
Was bedeutet für euch persönlich freiwilliges Engagement?
Schwierige Frage. Für uns ist Engagement kein Hobby. Auch nichts, was man mal eben nebenbei macht, wenn gerade Zeit übrig ist. Eher so: Ohne geht’s halt nicht. Klingt vielleicht groß, aber guck dir die Zahlen an – 17 Prozent der Jugendlichen haben depressive Symptome (DAK Präventionsradar 2024/2025), bei Mädchen sogar 27 Prozent. Mehr als jedes vierte Mädchen im Klassenzimmer. Dazu kommt: Nur 54 Prozent trauen ihrer eigenen Generation zu, sich später für Demokratie einzusetzen (Kinderreport 2024, Deutsches Kinderhilfswerk). Heftig. Engagement gibt dir das Gefühl zurück, dass du was bewegen kannst. Dass es nicht egal ist, was du tust. Für uns persönlich ist es der Ort, wo wir sehen: Veränderung ist möglich. Wenn eine 15-Jährige, die erstmal keine Lust hatte, plötzlich ihre Kindergruppe im Sportverein betreut und meint: „Ey, das macht ja eigentlich Laune“ – dann wissen wir: Es lohnt sich.
Welche Bedeutung hat freiwilliges Engagement eurer Meinung nach für die Gesellschaft?
Ohne Engagement kollabiert alles. Klingt dramatisch, ist aber so. Sportvereine suchen Leute, Tafeln suchen Leute, Bücherhallen suchen Leute. Überall fehlt’s. Gleichzeitig hast du Jugendliche, die denken: Ich kann eh nichts bewirken, Gesellschaft ist was Abstraktes, das machen andere. Engagement ist die Brücke zwischen diesen beiden Welten. Zeigt: Gesellschaft ist gestaltbar, du bist nicht nur Zuschauer:in. Demokratie lernt man nicht aus’m Schulbuch. Man lernt sie, indem man sie macht. Wenn junge Menschen merken, dass ihr Einsatz was bringt, dass sie gebraucht werden, dann kriegen die ein komplett anderes Verhältnis zu Gesellschaft. Das brauchen wir – eine Generation, die nicht nur zuschaut, sondern mitmacht. Engagement ist Demokratiebildung von unten. Ganz praktisch.
Gibt es engagierte Personen oder Projekte, die euch besonders beeindrucken?
Die Bücherhalle Bergedorf ist ein tolles Beispiel. Die haben über uns so viele Ehrenamtliche gefunden, dass sie jetzt erst mal raus sind – weil sie voll sind. Schönes Problem. Ansonsten beeindrucken uns die Jugendlichen am meisten. Zum Beispiel Mira, 16 Jahre alt, die in einer Kinderkulturwerkstatt angefangen hat, obwohl sie anfangs dachte, das wäre „nichts für sie“. Jetzt organisiert sie dort Workshops mit und sagt: „Krass, wie viel Spaß das macht, wenn die Kids was lernen und du siehst, dass du ihnen echt weiterhelfen kannst.“ Oder Einsatzstellen, die sagen:„Die Schüler:innen lernen uns dadurch kennen und merken: Das macht Spaß hier, und ich krieg auch was dafür – Anerkennung, leckeres Essen, eine coole Party.“ Das ist real, keine Hochglanzbroschüre.
Vor welchen Herausforderungen stehen Engagierte eurer Meinung nach?
Zeit, Geld, Strukturen. Wir sind aus reinem Idealismus gestartet, alles ehrenamtlich. Jetzt haben wir eine hauptamtliche Person mit 30 Stunden die Woche, dazu Ehrenamtliche mit ungefähr genauso viel Zeit. Reicht trotzdem nicht. Ohne hauptamtliche Strukturen kannst du nicht skalieren, egal wie viel Herzblut du reinsteckst. Die Nachfrage ist da – Schulen wollen mitmachen, Einsatzstellen auch. Aber wenn niemand bezahlt wird, verpufft das alles irgendwann. Dann die Bürokratie. Förderanträge, Nachweise, Evaluationen. Ist wichtig, klar, aber es frisst Zeit, die du eigentlich für die Menschen bräuchtest. Und ehrlich gesagt fehlt oft die Anerkennung. Engagement wird gefeiert, solange es nichts kostet. Sobald du sagst: „Wir brauchen Geld für Koordination, für professionelle Begleitung“ – dann wird’s schwierig.
Wie sieht eine Welt-Utopie für euch aus?
Eine Welt, in der Engagement selbstverständlich ist. Kein Bonus, kein Extra. Wo jede Person – egal wie alt, woher – weiß, dass ihr Handeln zählt. Wo Schulen nicht nur Mathe und Deutsch vermitteln, sondern auch das Gefühl: Du kannst was bewegen. Wo gemeinnützige Organisationen nicht ständig am Kämpfen sind, weil genug Leute da sind, die anpacken wollen. Wo Demokratie kein abstraktes Ding ist, sondern im Sportverein passiert, in der Bibliothek, auf’m Festival. Und wo niemand sagen muss: „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“ Weil die Türen offen sind. Utopisch? Vielleicht. Aber wir arbeiten dran.
Welche Superkraft hättet ihr gern, wenn ihr eine wählen könntet?
Uns klonen können. Klingt bescheuert, aber wenn wir zehn von uns hätten, könnten wir zehnmal mehr Schulen erreichen, zehnmal mehr Jugendliche begleiten. Alternativ: Fördergeldanträge mit Gedanken schreiben können. Wäre auch nicht schlecht.
Zuletzt: Gibt es einen Ort in Hamburg, den ihr den Leser:innen ans Herz legen möchtet?
St. Pauli. Klar, wir sind voreingenommen – da haben wir angefangen. Aber St. Pauli ist mehr als Kiez und Kneipenchaos. Ist der Ort, wo Engagement passiert, wo Nachbarschaft funktioniert, wo Leute füreinander da sind. Und wenn ihr mal in Bergedorf seid: Geht in die Bücherhalle. Nicht nur, weil die über uns so viele Ehrenamtliche gefunden haben. Sondern weil Bibliotheken unterschätzt werden. Sind ruhig, aber wichtig. Wie Engagement halt.
Wenn ihr offen für die Kontaktaufnahme durch andere Coworkende und Interessierte seid, gebt hier gerne noch eure Kontaktdaten an:
Name: clubkinder e.V.
E-Mail:
Tel: gerne per Mail anfragen oder ?anonymous&ismsaljsauthenabled&ep=plink">Buche einen Termin mit Jonas
Website: www.clubkinder.de